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Feststoffdichtungen selbst anfertigen - so funktioniert's

Kennen Sie das auch? Freitagabend, der letzte Check vor der Wochenendausfahrt - und ausgerechnet jetzt stellen Sie fest, dass sich eine Gehäusedichtung oder ein O-Ring abgemeldet hat. Kein Problem, wenn entsprechendes Dichtungsmaterial als Rollen- oder Plattenware im Regal liegt. Wir zeigen, wie Sie auch komplizierte Dichtungen in Eigenregie herstellen können.

O-RINGE
Fangen wir mit den O-Ringen an. Ist das Gummi glatt in der Mitte durchgerissen, kann es nach entsprechender Reinigung meist mit Sekundenkleber repariert werden. Diese Cyanacrylat-Klebstoffe sind für das elastische Material hervorragend geeignet. Als Notreparatur unterwegs oder am Wochenende bietet sich diese Lösung an, denn Sekundenkleber ist an Tankstellen auch ausserhalb der Ladenöffnungszeiten zu bekommen. Bei grösseren Beschädigungen am O-Ring muss dieser natürlich ersetzt werden. Oft können Sie aus einem Dichtring größeren Durchmessers, aber gleicher Materialstärke, mit einem scharfen Messer ein Stück herausschneiden und so die gewünschte Abmessung erzielen. Aber was tun, wenn auch diese Möglichkeit aufgrund fehlenden Materials nicht zu realisieren ist?

Der Hersteller Loctite hält fuer diesen Fall ein O-Ring-Set bereit, mit dessen Hilfe sich nahezu jeder Dichtring erzeugen lässt. Verschieden dicke Gummistränge von je einem Meter Länge, ein Messer, eine Schneide- und Klebeschablone, sowie ein Fläschchen Kleber finden sich in dem Kunststoffkoffer - für rund 100 Mark ein echter Helfer in der Not. Für die Reinigung der Klebestellen sollten Sie übrigens nie Verdünnung oder Pinselreiniger verwenden, denn als Mineralölprodukte hinterlassen beide einen leichten Film, der schnell dazu führt, dass sich die Klebeverbindung wieder löst. Besser geeignet sind Entfetter oder Aceton, die eine wirklich rückstandslose Reinigung garantieren.

FLÄCHENDICHTUNGEN
Kommen wir zu den an jedem Fahrzeug verbauten Flächen- oder Gehäusedichtungen. Dabei haben wir es mit Werkstoffen wie Papier oder Kork zu tun, mit hochdruck- und temperaturfestem Material, sowie mit speziellem Material fuer Auspuff- und Zylinderkopfdichtungen. Womit wir auch schon bei der ersten und einzigen Einschränkung wären: Zylinderkopfdichtungen sind eindeutig eine Sache fuer den Spezialisten und vom Hobbyschrauber kaum selbst herzustellen, doch dazu später mehr.

Wir besuchten einen Betrieb, der seit über zehn Jahren alle erdenklichen Dichtungen produziert, aber Hobbyschraubern auch das nötige Grundmaterial als Platten- oder Rollenware liefert. Alfred Schwarz, Inhaber der Firma DS im mittelfränkischen Grosshabersdorf, liess sich von uns über die Schulter schauen und verriet so manchen nützlichen Trick. "Wichtig ist zunächst die Auswahl des geeigneten Materials. Die defekte Dichtung ist meist Anhaltspunkt: Wo Papier verbaut war, sollte man auch wieder Papier verwenden", meint er einleitend. "Eine Ausnahme machen einige japanische Motoren, bei denen ab Werk auch bei weder druck- noch temperaturbelasteten Dichtungen hochwertiges druckfestes Material verwendet wurde. Gerade bei Motorradtriebwerken der Siebziger ist das oft zu finden. Hier lässt sich auch eine hochwertige Dichtung mitunter durch Papier ersetzen."

Auch sind Dichtungspapiere natürlich nicht einfach mit Schreibpapier oder Karton zu vergleichen und dürfen keinesfalls dadurch ersetzt werden. Spezielle Fasern und eine Imprägnierung verleihen dem Dichtungspapier erst die von ihm geforderten Eigenschaften. Wohl jedem Schrauber bekannt sein dürfte der Hersteller ELRING mit seinen Dichtungspapieren namens ABIL. Sie halten Temperaturen bis rund 100 Grad und einem Druck von etwa sechs bar stand, sind in Stärken von 0,25 mm bis 4 mm lieferbar und damit fuer viele Gehäusedichtungen zu verwenden. Hochdruckfestes Material (ebenfalls ab 0,25 mm) hingegen ist bis 400 Grad und bis 100 bar einzusetzen. Schon hier wird klar: Papier ist für eine thermisch hochbelastete Dichtung ungeeignet.

DIE PRAXIS

Nehmen wir an, Ihnen ist eine festgebrannte Flaechendichtung bei der Demontage eines Gehaeusedeckels zerrissen, sie hat sich aber als ganzes Stück ablösen lassen. Dies ist die einfachste Übung, denn Sie haben ja eine zwar zerrissene, aber immerhin komplette Vorlage zur Reproduktion. Zunächst messen Sie nun mit einer Schieblehre, neudeutsch auch Messschieber genannt, die Stärke der alten Dichtung und wählen das geeignete Ersatzmaterial aus. Oft können Sie, falls nichts anderes vorhanden ist, dünneres Dichtungsmaterial verwenden. Vorsicht aber, falls in dem Deckel beispielsweise eine Kickstarterwelle oder Ähnliches gelagert ist! Hier laufen Sie Gefahr, bei Verwendung dünneren Dichtungsmaterials die Lagergeometrie zu verändern. Unter Umständen kann es sogar zu einem Klemmen der Welle kommen!

Ist der richtige Werkstoff ausgewählt, fixieren Sie die alte Dichtung mit Klebeband und zeichnen mit einem möglichst dünnen Kugelschreiber oder Bleistift alle Konturen nach, auch die Schraubenlöcher. Diese sollten Sie anschliessend als ersten Arbeitsschritt herausarbeiten, der Fachmann empfiehlt dazu ein passendes Locheisen. Haben Sie nicht? Dann hilft nur der Griff zur kleinen (Nagel-)Schere. Je genauer Sie bereits jetzt arbeiten, umso besser wird die fertige Dichtung später passen. Der Grund, warum Sie mit den Löchern beginnen sollten, ist schnell erklärt: Bei Dichtungen, bei denen rund um diese Öffnungen nur sehr wenig Material stehenbleibt, kann das Werkstück beim Lochen sonst leicht einreissen. Besonders bei Kork passiert das häufig. Dann schneiden Sie mit einer Schere nacheinander die Innen- und Aussenkontur nach, schon ist eine funktionsfähige Dichtung reproduziert.

KEINE VORLAGE?

Weg vom Idealfall, hin zur Realität: Gehen Sie getrost davon aus, dass Sie die Dichtung beim Zerlegen so stark beschädigen, dass sie als Vorlage nicht mehr zu gebrauchen ist - Sie wissen ja, meistens kommt's ganz dick! In diesem Fall muss die Kontur des Gehäusedeckels auf den Werkstoff übertragen werden. Vom oft gegebenen Tip, Touchierfarbe zu verwenden, rät Alfred Schwarz ab: "Zu ungenau." Bei einfachen Formen kann natürlich der Deckel auf einen Abschnitt Dichtungspapier gelegt werden, um die Aussenkontur nachzuzeichnen, aber bei unserem Musterstück, dem Motordeckel einer Honda CB 750 Four, geht das nicht. Hier liegt ein Drittel der Dichtung nur innerhalb des Deckels, Nachzeichnen entfällt also. Schwarz macht's ganz anders und legt zunächst das neue Material auf die Dichtfläche des Deckels. Mit einem Aluhammer, zur Not tut's auch einer aus Kunststoff, klopft er nun sorgfältig die Kontur nach, immer nur an dem zwischen den gespreizten Fingern fixierten Material. Die relativ scharfe Kante des gegossenen Deckels schneidet so Stück fuer Stück den Werkstoff selbst aus. Ist so die Aussenkontur geschaffen, drückt der Spezialist die Schraubenlöcher mit dem rund geschliffenen Ende eines alten Körners aus. Abschliessend "hämmert" er die Innenkontur aus. Die Sache erfordert zwar Geduld und viel Fingerspitzengefühl, funktioniert aber gut. Eine weitere Möglichkeit, die Dichtung nach dem Deckel zu fertigen, ist das Abreiben der Konturen mit einem Rundeisen. Der Profi verwendet dazu die Verlängerung eines Ratschenkastens und reibt Zentimeter um Zentimeter die Form innen und aussen solange ab, bis das Material durchtrennt ist. Für welchen Weg Sie sich nun entscheiden, bleibt Ihnen überlassen. Ergebnis sorgfältiger Arbeit ist in jedem Fall eine passende Dichtung - auch am Wochenende. Nicht unerwähnt bleiben soll hier der bereits veröffentlichte Tip eines Lesers: Er fotokopiert alle Dichtungen seiner Fahrzeuge vor dem Einbau und hat so immer eine passende Vorlage. Allerdings sollten Sie die Masshaltigkeit der Kopie überprüfen, manche Geräte verzerren ganz schön.

NICHT NUR FÜR FLASCHEN: KORK

In der Dichtungsherstellung kommt spezieller, meist gepresster Kork mit ölbeständigen Eigenschaften zur Verwendung. Auch dieses Material ist in Platten verschiedenster Stärken lieferbar. Kork hält Temperaturen bis etwa 150 Grad aus, allerdings so gut wie keinen Druck. Damit reduziert sich natürlich seine Einsatzmöglichkeit auf drucklose Anwendungen wie Ventildeckel- oder Ölwannendichtungen.

Kork muss immer mit einem Messer oder einer Schere geschnitten werden, die Kontur kann also nicht abgeklopft oder abgerieben werden. Schraubenlöcher sollten in jedem Falle gestanzt werden, sonst bricht das Material zu leicht aus. Die alte Dichtung muss also, auch wenn dies einigen Aufwand bedeutet, irgendwie als Vorlage zusammengesetzt werden. Geht das absolut nicht, müssen Sie zu Stift und Lineal greifen. Es gilt dann, eine Zeichnung auf Karton anzufertigen, sie auszuschneiden, ihre Form am Deckel zu überprüfen, eventuell zu korrigieren und sie erst dann auf den Kork zu übertragen.

DICHTUNGEN OPTIMIEREN?

Das Optimieren von Dichtungen ist durchaus möglich und in manchen Fällen sogar ratsam. Kratzer und Riefen auf Dichtflächen werden durch sogenannte Flüssigdichtungen gut ausgeglichen. Hersteller wie Loctite, Elring oder Teroson halten da einige Produkte bereit. Sie erleichtern auch oft die Montage, weil sie die Dichtungen gut auf den Flächen fixieren. Gut geeignet ist auch SILMOUNT der Firma RoTECH (Tel: 069/94413778). Dieses auf Silikon basierende Mittel dichtet nicht nur gut, sondern ermöglicht oft, eine Dichtung mehrfach zu verwenden, weil es langfristig verhindert, dass sie auf den Metallflächen "festklebt" (35 Gramm rund 10 Mark).

DICHTUNGEN STANZEN - SO GEHT'S

Je dicker das zu bearbeitende Material ist, umso schlechter lässt es sich natürlich schneiden. Vor allem Werkstoffe fuer Auspuff- oder Kopfdichtungen halten noch eine andere Schwierigkeit bereit: Gutes Material ist nicht nur hochdruckfest und temperaturbeständig bis etwa 400 Grad, sondern ist auch mit einem sogenannten "Spiessblech" armiert ( wellenförmige gelochte Metallschicht). Sie verhindert ein zu starkes Zusammenpressen des Materials und ermöglicht eigentlich erst die geforderte gleichmäßige Flächenpressung bei Kopfdichtungen. Gerade für englische Fahrzeuge sind minderwertige Dichtungen völlig ohne Armierung häufig. Noch dazu werden immer wieder Werkstoffe verwendet, die sich mit Öl beziehungsweise Kühlwasser vollsaugen, da nötige Metalleinfassungen fehlen. Übrigens: Oft finden sich noch asbesthaltige Dichtungen (Achtung: Sondermüll!). Moderne Exemplare bestehen beispielsweise aus "Aramid"-Fasern.

Wie gesagt, schneiden lassen sich diese Materialien sehr schlecht, ideal ist das Stanzen, bei vielen Dichtungsherstellern hat auch schon der Laser Einzug gehalten. Sie haben keine Stanzvorrichtung? Kein Problem, sie ist relativ leicht herzustellen. Nehmen wir an, die Löcher fuer die Stehbolzen der Auspuffdichtung haben genau zehn Millimeter Durchmesser. Bohren Sie dann genau dieses Loch in ein breiteres Flacheisen und spannen Sie es mit zwei Schraubzwingen auf dem Tisch Ihrer Standbohrmaschine fest. Nun schneiden Sie eine Zehn-Millimeter-Schraube am Kopf ab und schleifen an dieser Schnittfläche eine V-förmige Vertiefung ein. Die Schraube spannen Sie nun mit der bearbeiteten Seite nach unten in das Bohrfutter und fertig ist die Stanzvorrichtung!

Mit dem Drehkreuz der Standbohrmaschine, mit dem Sie normalerweise den beim Bohren nötigen Druck ausüben, schaffen Sie es leicht, auch dickeres und armiertes Dichtungsmaterial zu lochen. Nun werden zunächst alle Bohrungen herausgearbeitet, dann die Innen- und zuletzt die Außenkonturen, Stanzloch für Stanzloch. Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Das Bohrwerk bleibt dabei natürlich immer ausgeschaltet! So lassen sich beispielsweise Auspuff- oder Ansaugkrümmerdichtungen aus armiertem Material leicht selbst herstellen.

NUR FÜR SPEZIALISTEN

Überall, wo vom Hersteller Einfassungen aus Metall vorgesehen sind, müssen auch nachgefertigte Dichtungen entsprechend aufgebaut sein - und das ist immer ein Job fuer den Profi. Bei DS werden viele Auspuff- und Kopfdichtungen dieser Art hergestellt, auch in Kleinstserien oder als Einzelstücke. Die Einfassungen werden dabei aus Stahlblech geschnitten und mit viel Know-how gezogen. Oft wird dabei nach alten Originalplänen oder nach Kundenzeichnung gearbeitet. So können auch sehr seltene Fahrzeuge mit Zylinderkopfdichtungen nach dem aktuellen Stand der Technik ausgerüstet werden.

Der Preis beispielsweise einer nachgefertigten Zylinderkopfdichtung ist dabei von der Anzahl der Zylinder, den Aussparungen für Stehbolzen, Wasser- und Ölkanäle sowie von der Form der Einfassungen abhängig und variiert daher stark. Von Kopfdichtungen aus Kupfer hält man in Grosshabersdorf übrigens überhaupt nichts. Zwar ist der Gedanke sehr verlockend, mit einem einzigen Stanzvorgang einfach eine Dichtung herzustellen, die Praxis zeigt aber, dass Kupfer auch nach dem Ausglühen nicht flexibel genug ist, um dauerhaft zuverlässig abzudichten. Bei DS landen regelmässig Kupferdichtungen mit der Bitte, sie aus modernem Werkstoff samt Stahleinfassungen nachzufertigen.

FAST NICHTS IST UNMÖGLICH

Auch für Tuning- und Rennmotoren stellt DS Dichtungen her. Wichtiger für Oldie-Freunde: Es ist bis zu einem bestimmten Maß möglich, verstärkte Kopfdichtungen einzusetzen, um Einfluss auf die Verdichtung eines Motors zu nehmen. Nötig kann dies beispielsweise bei stark geplanten Köpfen werden, aber auch dann, wenn ein Motor auf den Betrieb mit Treibstoff mit geringer Oktanzahl vorbereitet werden soll, zum Beispiel fuer Fernreisen. Bei DS wird Material bis zu einer Stärke von 1,8 Millimetern verarbeitet, dickeres Material ist von den Herstellern nicht freigegeben. Auch verstärkte Dichtungen kosten keinen Aufpreis, da der Werkstoff kaum teurer, der Arbeitsaufwand aber der gleiche ist.

Die Adresse:
DS - Dichtungen A. Schwarz
Am Galgenbruck 12
D-90613 Grosshabersdorf
Tel. 09105 - 9220, Fax 9230

Heinz STAHL

(Quelle: "Oldtimer-Praxis" 11/97)


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